Auf unserem Weg durch Zentralanatolien erlebten wir überwältigende Gastfreundschaft. Kein Tag verging ohne Einladung zum Tee und oftmals wartete auch ein warmes Bett auf uns! So lernten wir viele Menschen kennen und konnten richtig in das lokale Leben eintauchen.
Suşehri – Akşehir | 22.10.2025 – 09.11.2025 | 812,20 km | 6090 m
Von Suşehri aus fuhren wir durch ein hübsches Tal weiter Richtung Westen. Beim Mittagessen brach (nicht ganz unerwartet) der Ständer an Vivis Fahrrad, so dass wir dieses fortan immer irgendwo anlehnen mussten. Es war eine lange Etappe und am Nachmittag wurden wir vom Regen überrascht. Im Ort Reşadiye fanden wir am Strassenrand ein Hotel, wo wir uns ins Trockene retten konnten.
Weiter ging es, weiterhin meistens bergab, in den Ort Erbaa. Bei der Einfahrt in die Stadt sahen wir mehrere Fabriken, welche allesamt Ziegelsteine herstellten. Das Hotel, welches wir zuerst ansteuerten, verlangte einen unverschämt hohen Preis. Ausserdem sah ich auf einer Liste hinter dem Tresen, dass alle anderen (vermutlich türkischen) Gäste viel weniger zahlten. Darauf angesprochen wurde der Rezeptionist wütend, so dass wir das Hotel genervt verliessen… Dem Typen wollten wir sicher kein Geld geben. In der Innenstadt fanden wir dann ein sauberes und sehr freundliches Hotel für die Hälfte des Preises, den der andere verlangt hatte.

Am nächsten Morgen stürzte ich beim Verlassen des Hotels die Treppe herunter. Ich hatte in beiden Händen Gepäck und hatte Glück, dass ich mich nicht ernsthaft verletzte!
Erbaa lag auf nur etwa 250m ü.M., somit hatten wir in den letzten paar Tagen ordentlich an Höhe verloren. Von nun an ging es wieder aufwärts. Erstes Ziel war die Stadt Amasya, welche wir am gleichen Tag erreichten.

Am Nachmittag wurden wir nach der Teepause wieder von einem starken Gewitter überrascht, welches die ganze Nacht andauerte. Wir machten einen Pausentag und erkundeten am Nachmittag die Altstadt mit ihren berühmten osmanischen Häusern. Auch sonst hat uns die eindrückliche, zwischen Felsen gelegene Stadt sehr gut gefallen.
Wir fuhren danach weiter westwärts Richtung Çorum. Da es immer noch konstant aufwärts ging, und uns ein kalter Wind entgegen wehte, kamen wir nur langsam vorwärts. Am späten Nachmittag fragten wir am Strassenrand ein paar Bauern, die uns zum Teetrinken eingeladen hatten, ob wir auf ihrem Land zelten dürfen. Mit Google Translate machten sie uns klar, dass sie uns davon abraten, da es in der Region viele Wildschweine gab. Sie zeigten uns Fotos von ihren durch Wildschweine beschädigten Maisfeldern…

Sie rieten uns, noch ein paar Kilometer weiter in die Stadt Mecitözü zu fahren, dort gäbe es ein Öğretmenevi (Lehrerhaus). Dies sind staatlich betriebene Unterkünfte, die Lehrkräften, Schulpersonal und Beamten auf Reisen günstige Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Sie können auch von normalen Reisenden benutzt werden.
So machten wir uns auf den Weg nach Mecitözü, wo wir kurz nach Einbruch der Dunkelheit ankamen. Wir fanden das Lehrerhaus auch, aber es war stockfinster und die Türe war geschlossen. Im Pavillon vor der Unterkunft sassen zwei junge Frauen. Ich sprach sie an und fragte, ob sie wüssten, wie man im Öğretmenevi übernachten könne.
Dies war einer der glücklichsten Zufälle auf unserer Reise. Eine der Frauen, Damla, war die Tochter zweier Lehrpersonen dieses Dorfs. Ausserdem war sie vermutlich die einzige Person in diesem Ort, die perfekt Englisch sprach. Sofort wurde für uns alles stehen und liegen gelassen… Zehn Minuten später waren Damlas Eltern da, die am Telefon mit der Verwalterin des Öğretmenevi waren. Dies wurde extra für uns aufgeschlossen und wir konnten ein Zimmer beziehen.
Danach wurde Essen für uns bestellt (und bezahlt), und wir wurden bei Damlas Familie zuhause zum Tee eingeladen. Während wir unser Zimmer bezogen, wurde auch noch ein Kuchen für uns gebacken.
Am nächsten Morgen wurden wir zum Frühstück eingeladen. Die Verwalterin des Öğretmenevi namens Nida lud uns anschliessend zum Kaffee ein. Als wir für unser Zimmer bezahlen wollten, wurde kein Geld akzeptiert. Im Dorf waren die Vorbereitungen für den Nationalfeiertag in vollem Gange. Wir entschieden uns, noch eine Nacht zu bleiben.
Wir besuchten eine Parade für den bevorstehenden Nationalfeiertag und wurden dann von Simge, Damlas bester Freundin, am Nachmittag zu Kaffee und Tee eingeladen. Die Ankunft von Reisenden hatte sich herumgesprochen, und gefühlt das ganze Dorf wollte uns sehen und einladen.
Nach einer weiteren (kostenlosen) Nacht im Lehrerhaus mussten wir am Nationalfeiertag Abschied nehmen. Wir waren sehr dankbar und überwältigt von der Gastfreundschaft von den Leuten in Mecitözü! Wir versprachen, dass wir eines Tages wiederkommen würden und natürlich alle bei uns in der Schweiz willkommen sind!

Wir fuhren die restlichen 40 Kilometer bis in die Stadt Çorum. Dort machten wir einen weiteren Pausentag. Unterwegs wurden wir gleich wieder eingeladen, aber nach einem Tee zogen wir trotzdem weiter, da wir auch mal ein bisschen vorwärts kommen mussten…

Von Çorum aus fuhren wir in den Ort Sungurlu, welcher dafür bekannt ist, dass er in der Nähe der antiken Stadt Ḫattuša (der Hauptstadt des Hethiter-Reiches) liegt. Für uns war es jedoch lediglich ein Stop auf dem Weg in Richtung Westen. Wir fuhren zum Öğretmenevi und fragten dort nach einem Zimmer. Der Preis war aber viel zu hoch, weshalb wir zu einem Hotel in der Nähe fuhren.
Während Vivi im Hotel das Zimmer auskundschaftete, kam ich mit einem jungen Mann namens Ali ins Gespräch. Er sprach etwas Englisch, da er in den Niederlanden geboren war. Vor drei Jahren ist er nach Sungurlu in sein Elternhaus gezogen. Gerade, als Vivi unsere Pässe für den Check-In bei mir aus der Tasche suchte, meinte Ali, wir könnten auch bei ihm zuhause übernachten…
Dieses Angebot nahmen wir natürlich dankend an und folgten ihm zu seinem Haus. Nachdem wir uns dort eingerichtet hatten, wollte er uns zum Essen einladen und wir liefen zu einem nahe gelegenen Restaurant. Nach dem Essen sprachen wir noch ein bisschen zusammen, bevor wir ins Bett gingen.
Am nächsten Morgen kochte Ali ein grosses Frühstück für uns, bevor wir uns wieder auf den Weg machten. Es war morgens sehr kalt, aber da wir erst um etwa 10 Uhr aufbrachen, hatte sich die Luft schon wieder etwas aufgewärmt. Am frühen Nachmittag kamen wir im Ort Delice an. Dort wollten wir uns einen Platz zum Zelten suchen. Ein paar Einheimische empfahlen den Park…
Im Park trafen wir auf die Angestellten der Parkanlagenpflege. Wir fragten sie um Erlaubnis, im Park unser Zelt aufzustellen und versprachen ihnen hoch und heilig, dass wir natürlich keine Unruhe stiften würden… Der zuständige Angestellte, Levent, nahm sich unseres Anliegens mit höchster Priorität an. Zuerst wurde der Bürgermeister telefonisch über die Ankunft von Reisenden informiert!
Sie waren sich einig: Zu Zelten wäre viel zu kalt! Somit wurden wir im Gebetsraum des Parks einquartiert. Danach wurde bei viel Tee und mit Hilfe von Google Translate über Gott und die Welt diskutiert. Wir kochten im Angestelltenraum ein paar Instantnudeln, die wir dabei hatten. Die Türken schauten uns und unser Essen voller Mitleid an und bestellten Baklava, so dass wir wenigstens aus ihrer Sicht noch etwas Anständiges zu Essen hatten.


Danach schliefen wir bequem in unseren Schlafsäcken im Gebetsraum. Am nächsten Morgen kochten wir Haferflocken mit Datteln, Aprikosen und Äpfeln zum Frühstück. Danach verabschiedeten wir uns nach ein paar Selfies von Levent und zogen von dannen.
Wir erreichten nach einer schönen Fahrt durch die zentralanatolische Landschaft die Stadt Kırıkkale, welche in der Nähe der Hauptstadt Ankara liegt. Von dort aus fuhren wir weiter Richtung Süden, da wir keine Lust auf den Verkehr in Ankara hatten.

Dort fuhren wir über endlos scheinende Landwirtschaftsflächen, welche uns an die Steppe in Kasachstan erinnerten. Leider war die Raststätte, wo wir unser Mittagessen einnehmen wollten, geschlossen. Dadurch waren wir am Nachmittag sehr hungrig und wir entschlossen uns, im Ort Karakeçili frühen Feierabend zu machen. Zuerst assen wir aber um 15 Uhr ein spätes Mittagessen und wir erkundigten uns dort nach Möglichkeiten zum Zelten.


Leider meinten die Leute im Restaurant, es sei wegen Waldbrandgefahr verboten… Welcher Wald denn?? Auf jeden Fall machten wir uns nach dem Essen auf die Suche nach einem Park und hofften, dort auf nette Mitarbeiter wie vor ein paar Tagen in Delice zu treffen.
Der Park entpuppte sich aber als Denkmal für Kriegsgefallene, wo wir natürlich unser Zelt nicht aufschlagen würden. Wir standen etwas ratlos auf der Strasse, als wir von einem Mann namens Seyfettin angesprochen wurden. Wir erklärten ihm, dass wir auf der Suche nach einem Zeltplatz seien.
Er besprach sich kurz mit dem Kioskbesitzer, bei welchem er gerade Brot gekauft hatte. Auch sie waren sich einig: Viel zu kalt zum Zelten!
Seyfettin telefonierte daraufhin mit seiner Frau und meinte, wir sollen seinem Auto hinterher fahren.
Zehn Minuten später bekamen wir eine Führung durch sein Haus, wo wir für die Nacht eingeladen wurden. Als wir ankamen, kochte in der Küche schon unser Nachtessen. Später kamen auch noch die Nachbarn vorbei, um mit den Fremden Tee zu trinken. Einzige Bedingung für unsere Beherbergung war: Vivi musste am nächsten Morgen das Frühstück zubereiten 😂
Am nächsten Morgen machten wir nach dem Packen Frühstück für Seyfettin und seine Frau. Unter Tränen verabschiedeten sie uns, sie hätten uns gerne noch länger beherbergt:
„Wenn ihr verloren seid, müsst ihr nicht weiter schauen: Ihr könnt immer wieder zu uns zurück kehren. Kuss auf eure Augen – Möge Allah euch schützen“ stand zum Abschied auf Google Translate… Dankbar fuhren wir nach einer erholsamen und ruhigen Nacht Richtung Süden.

Es ging weiter durch eine menschenleere Agrarlandschaft. Felder bis an den Horizont. Manchmal sahen wir einen Traktor in der Ferne, der etwas Staub aufwühlte. Ansonsten waren wir ganz alleine auf der Strasse, ausser dass wir zwischendurch von einem Lastwagen überholt wurden.

Am Abend kamen wir sehr müde im Ort Kulu nahe des Tuz Gölü an. Im Öğretmenevi hatte es keinen Platz mehr, wir sollen zum einzigen Hotel der Stadt fahren, meinten sie dort. Im Hotel angekommen erfuhren wir aber, dass dieses auch voll ist. Da wir sehr hungrig waren kehrten wir zuerst bei Domino’s Pizza ein. Ein Mitarbeiter dort meinte, wir sollen zur Moschee gehen, denn dort dürfe man im Notfall auch schlafen.
Gerade als wir unterwegs dorthin waren, kamen wir mit ein paar Männern ins Gespräch. Sie glaubten nicht, dass das Öğretmenevi kein Platz habe und riefen dort an. Plötzlich – aus einem uns nicht ersichtlichen Grund – hatte es nun doch Platz. So fuhren wir zurück dorthin. Vivi und ich mussten wie in einem Hostel in getrennten Zimmern schlafen und uns das Zimmer mit anderen (schnarchenden) Leuten teilen. Aber da es schon spät und dunkel war, entschieden wir uns trotzdem dafür…
Am nächsten Tag entschieden wir uns für eine Pause und konnten am Morgen in ein privates Zimmer umziehen. Am nächsten Morgen war das Wetter schlecht und wir wollten noch einmal einen Pausentag einlegen, doch es war wieder kein Zimmer mehr frei, so dass wir zur Weiterfahrt gezwungen waren.
Am Mittag hielten wir im Pide Salonu im kleinen Ort Kozanlı, wo wir zu Mittag assen. Als wir weiterfahren wollten, begann es zu regnen. Wir hatten wirklich gar keine Lust weiterzufahren, obwohl wir erst etwa 20km gefahren waren. So erkundeten wir uns beim Chef des Restaurants, ob es im Ort einen Platz für unser Zelt gäbe.
Fünf Minuten später kam er mit einem Schlüssel zum Gemeindehaus zurück, er sei der Gemeindepräsident. Im Gemeindehaus gleich nebenan hatte es einen Gästeraum mit einem Bett. Unglaublich, wie wir auf dieser Reise immer im richtigen Moment auf die richtige Person trafen!
So ruhten wir uns am Nachmittag aus und schliefen im Gemeindehaus. Am Morgen brachten wir den Schlüssel zurück und fuhren erholt weiter. Kurz nach dem Ort Güzelyayla hatte Vivi einen Platten, verursacht durch einen Dorn. Während wir den Schlauch flickten, hielt ein Pick-Up neben uns an und fragte, ob wir Hilfe brauchten.


Beim Gespräch stellte sich heraus, dass der Fahrer – Hüseyin – auch in der Schweiz wohnt! Er lud uns zu sich ein, und wir folgten ihm in ein nahe gelegenes Dorf. Wir sprachen den ganzen Nachmittag und genossen, dass wir uns auf Schweizerdeutsch unterhalten konnten. Wir wurden anschliessend eingeladen, dort zu übernachten. Seine Mutter kochte leckeres Essen für uns und nachher kamen auch noch die Verwandten zu Besuch. Ausserdem konnten wir endlich unsere Wäsche waschen, was dringend nötig war!
Am nächsten Morgen ging es weiter. Hüseyin brachte uns mit dem Pick-Up ein Stück weit, danach fuhren wir eine lange Etappe bis nach Yunak, wo wir kurz vor Sonnenuntergang ankamen. Gerade als wir ins Öğretmenevi eincheckten, wurde Vivi von einer Frau angesprochen. Ihre Tochter habe uns gesehen und sei sehr interessiert, uns kennenzulernen.


Nachdem wir unser Gepäck ins Zimmer gebracht hatten, waren wir zum Tee und Nachtessen bei dieser Familie eingeladen und wir genossen einen gemütlichen und schönen Abend. Die beiden Kinder, Hira und Buğra, schauten uns gespannt und mit grossen Augen an, als wir von unserer Reise erzählten.
Am nächsten Morgen fuhren wir eine einfache und flache Etappe nach Akşehir, wo wir zwei Tage Pause einplanten und uns ein schönes Hotelzimmer gönnten. Ausserdem feierten wir dort unseren siebten Hochzeitstag 🙂













Hallo zäme!
Has scho denkt, dass dir Schwizerdütsch werdet vermisse 😂😂😂
Liebie Grüess!
Ja gwüss 😉
Hallo Zusammen
So schön wie ihr immer wider so nette und hilfsbereite Menschen in jedem Land trefft.
Wünsche gute weiter Reise.
Bèatrice
Hallo!
Ja, es ist unglaublich – Überall trafen wir zur richtigen Zeit die richtigen Leute.
Liebe Grüsse vom Mittelmeer 🙂
Wei-Chi und Damian