In Ostanatolien warteten Berge, riesige Hunde, wechselhaftes Wetter und straffer Gegenwind auf uns. Angetrieben von unzähligen Gläsern stark gezuckerten Tees fuhren wir westwärts durch eine spannende und abenteuerliche Region der Türkei.
Ninozminda – Suşehri | 05.10.2025 – 21.10.2025 | 702,80 km | 5470 m
Nach einem Tag Pause in Ninozminda machten wir uns nicht wie ursprünglich geplant auf den Weg nach Batumi, sondern wählten die Route direkt in die Türkei. Angesichts des nahenden Winters wollten wir die direkteste Route in Richtung Europa nehmen. Ausserdem wurde für die Schwarzmeerküste viel Regen vorhergesagt, was uns natürlich gar nicht anmachte.
So entschieden wir uns für den in der Nähe gelegenen Grenzübergang bei Karzachi. Die Anfahrt dorthin war recht schön, obwohl die Strasse dorthin zwischendurch in üblem Zustand war. Der Grenzübergang lag direkt am Karzachi-See, sehr idyllisch gelegen.

Der Grenzübertritt in die Türkei war sehr einfach und ging auch zügig. Einzig der miserable Wechselkurs für unsere restlichen Lari ärgerte uns. Nach einem Selfie mit der Grenze im Hintergrund fuhren wir auf der perfekten Strasse mit breitem Seitenstreifen weiter. Nach etwa 500m wurden wir schon zum ersten Mal angehalten und mit Äpfeln beschenkt!


Eigentlich wollten wir über einen Pass fahren und auf der Passhöhe, mit Blick auf die „Teufelsburg„, zelten. Der Tunnel durch den Berg war dann aber doch zu verlockend für uns, als wir vor dem Tunnelportal standen, und wir entschieden uns spontan für diesen. Wir fuhren in das Dorf Çıldır und checkten dort in eines der schäbigsten Hotels der ganzen Reise ein. Das Hotel glich einer Baustelle und fiel fast auseinander… Wir waren aber so müde, dass wir trotzdem gut schliefen.
Am nächsten Tag fuhren wir dem Çıldır-See entlang. Der See liegt auf knapp 2000m und es wehte ein kalter Wind, leider entgegen unserer Fahrtrichtung! Abgesehen davon war es eine tolle Etappe, die uns landschaftlich sehr gefallen hat. Entlang des Ufers gab es viele Hirten mit ihren Herden.
Dort machten wir auch Bekanntschaft mit den ersten Kangals, den berüchtigten Herdenschutzhunden der Türkei. Glücklicherweise bellten sie nur und sahen bedrohlich aus, jagten uns aber nicht hinterher.
Einen Tag später erreichten wir die Stadt Kars, wo wir einen Pausentag einlegten. Auch auf dieser Etappe war der Gegenwind sehr stark und wir mussten kräftig pedalieren. Vivi hatte sich zudem leider erkältet, weshalb wir unsere Exkursion in die armenische Ruinenstadt Ani absagten. Wir mieteten ein kleines Apartment und genossen dort selbstgekochtes Essen. Eingekauft hatten wir in der Migros… Ja, auch in der Türkei gibt es die Migros! Heute eigenständig, war sie ursprünglich tatsächlich ein Tochterunternehmen des schweizer Unternehmens.


Wir fuhren danach weiter in den Ort Sarıkamış. Offenbar ist dies im Winter ein bekanntes Skigebiet, aber da noch kein Schnee lag, war es noch ein eher verschlafenes Dorf. Ausserdem fand unweit von Sarıkamış eine verheerende Schlacht zwischen dem Osmanischen Reich und Russland statt, bei der das Osmanische Reich eine schwere Niederlage erlitt. Diese hatte weitreichende politische und gesellschaftliche Folgen für die gesamte Region.
Von dort aus folgte eine sehr schöne Etappe: Zuerst ging es über einen 2300m hohen Pass und danach folgte eine lange Abfahrt, welche wir sehr genossen.
Eigentlich wartete nach der Abfahrt noch ein zweiter Pass auf uns. Statt über diesen zu fahren, fuhren wir danach durch ein wunderschönes Tal einem Fluss entlang. Ein Hirte versicherte uns, dass es mit dem Fahrrad befahrbar sei. Zuerst auf Schotter, danach auf einer alten Strasse fuhren wir ganz alleine durch diese sehr spezielle Landschaft. Sehr gute Entscheidung, diesen Weg zu nehmen!
Am nächsten Morgen kam wieder ein Wetterumschwung: Es regnete in Strömen und wir mussten uns in volle Regenmontur kleiden. Es war nur knapp über dem Gefrierpunkt. Nach etwa einer Stunde Fahrt bemerkten wir, dass unsere Regenkleidung nicht mehr ganz wasserdicht war, denn langsam wurde unsere Kleidung nass.
An einer Raststätte durften wir uns am Ofen aufwärmen und wir bekamen Kuchen und Tee serviert. Der Regen liess dann zum Glück etwas nach und am Nachmittag kam sogar die Sonne noch etwas hervor. Abends schliefen wir in einer günstigen Arbeiterunterkunft. Es gab keine Dusche, keine Heizung und nur ein geteiltes Badezimmer, aber immerhin waren wir vom Wind geschützt. Kalt wurde es trotzdem, so dass wir im Schlafsack schliefen.

Nach einem weiteren Tag, wieder bei bestem Wetter und super frischer Luft, erreichten wir die Stadt Erzurum. Um uns herum waren die Berge mit Schnee bedeckt. Wir fuhren nur ganz knapp unter der Schneegrenze! So wurde uns ein wunderschönes Bergpanorama geboten, welches wir so in der Türkei nicht erwartet hatten.
Wir kamen früh am Nachmittag in Erzurum an und hatten Zeit, uns ein paar Sehenswürdigkeiten anzuschauen, darunter die „Doppelminarett-Medrese“ und die Yakutiye-Medrese. Ausserdem liefen wir auch an der alten Zitadelle vorbei, welche aber leider schon geschlossen war. Sie präsentierte sich aber im schönsten Licht des Sonnenuntergangs.
Weiter ging es in drei Etappen nach Erzincan. Dabei fuhren wir über einen weiteren Pass und danach durch eine wunderschöne Schlucht. Dort erreichten wir beim Zusammenfluss des Murat und des Karasu den Beginn des Flusses Euphrat, welchem wir dann bis kurz vor Erzincan folgten.
Zusammen mit dem Tigris bildet der Euphrat den fruchtbaren Halbmond, die Wiege der mesopotamischen Zivilisation, und ist auch heute Lebensader vieler Länder in Westasien.
Leider hatten wir knapp auf der Passhöhe unterwegs nach Erzincan eine grosse Panne: Wir stellten fest, dass bei Vivi eine der zwei Spezialschrauben der hinteren Radaufhängung verloren gegangen war. Das ist eine spezielle Konstruktion, um die Rohloff-Steckachse mit dem Rahmen zu verbinden. Somit hatten wir auch kein passendes Ersatzteil. Wir hatten Glück, dass das beim Aufstieg passiert war, denn Vivis Hinterrad wurde nur noch von einer losen Schraube am Rahmen gehalten… Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn wir es nicht bemerkt hätten.
Ich flickte es MacGyver-Style mit Kabelbindern und der verbleibenden Schraube. Vivi vertraute der Konstruktion und somit konnten wir die Abfahrt vom Pass wagen.

In Erzincan machten wir zwei Tage Pause. Dies vor allem, weil wir dort ein sehr gutes Hotel erwischt hatten. Nebenan war ausserdem – sehr zu meiner Freude – eine tolle Pizzeria! Ausserdem konnten wir dort eine Schraube und Mutter organisieren, um meine Kabelbinder-Konstruktion an Vivis Fahrrad mit etwas Stabilerem zu ersetzen.
So konnten wir gestärkt weiterfahren, denn der nächste Tag hatte es in sich. Das Wetter war schon bei der Abfahrt recht mies, immer wieder nieselte es und wir wussten nicht, ob wir jetzt die (undichte) Regenhose lieber anziehen oder nicht.
Wir fuhren Richtung Sakaltutan-Pass. Die Steigung war zwar nicht allzu steil, aber von Erzincan aus mussten wir trotzdem fast 1000m aufsteigen, so dass wir erst am späten Nachmittag oben ankamen. Dort zogen schwarze Wolken am Horizont auf!
Etwa eine Minute, nachdem wir die Abfahrt antraten begann es wie aus Kübeln zu regnen. Innert Sekunden waren die Schuhe voll mit Wasser. Noch ein paar Sekunden später fiel plötzlich Eis vom Himmel!
Wir wurden voll vom „Sakaltutan“ erwischt! Sakaltutan heisst wörtlich „Bartfänger“. Der Name stammt offenbar von alten Erzählungen, dass der Wind und Frost auf dem Pass so stark sind, dass sie einem buchstäblich „am Bart festhalten“…
Es war etwas angsteinflössend, denn es gab dort oben nirgends Schutz vor den Elementen.
Wir kämpften uns gegen den Wind den Berg hinab und zum Glück liess der Niederschlag nach etwa 100 Höhenmetern auch schon etwas nach. Hinter uns war ein wunderschöner Regenbogen, aber wir waren bis auf die Knochen nass und hatten immer noch über 30km vor uns.


Mittlerweile ging auch schon die Sonne unter und wir hatten bei der Abfahrt sehr kalt. Da auch die Handschuhe – mit Sicherheit unser schlechtestes Ausrüstungsstück – nass waren, waren die Finger eiskalt. Zum Glück erreichten wir im richtigen Moment eine Raststätte mit einem Ofen, wo wir uns aufwärmen konnten.
Die Leute dort hatten so Mitleid mit uns, dass wir neben Tee sogar noch Socken geschenkt bekamen! Da es draussen sowieso schon dunkel war, assen wir dort Nachtessen, bevor wir aufgewärmt und gestärkt die letzten 20km bis ins Hotel fuhren, wo wir todmüde ins Bett fielen!
Am nächsten Morgen fuhren wir – wieder bei bestem Wetter – weiter. Zum Glück ging es an diesem Tag hauptsächlich bergab, denn wir entschieden uns gegen den Pass Richtung Zara, sondern wählten eine nördlichere Route. Wir befanden uns dort wieder unter 1000m über Meer und es war auch spürbar wärmer und die Landschaft war deutlich grüner.
Nach dem Mittag überquerten wir die Provinzgrenze von Sivas, was bedeutete, dass wir offiziell nicht mehr in Ostanatolien waren und Zentralanatolien erreicht hatten.




























