Die Fahrräder blieben in Kasachstan, während wir mit dem Zug nach Usbekistan reisten. Dort besuchten wir unglaubliche Bauwerke aus der Zeit der alten Seidenstrasse. Die alten Städte verzauberten uns mit ihrer Geschichte und ihren Farben, aber auch spannende Orte aus der Sowjet-Zeit gab es zu bestaunen.
Nachdem wir in Kasachstan feststellten, dass wir etwas kürzer treten müssen als ursprünglich geplant, haben wir unseren Plan angepasst. Ursprünglich wollten wir von Kasachstan aus – ohne nach Almaty zu fahren – direkt nach Kirgisistan, um von dort aus über den Pamir Highway nach Usbekistan zu fahren. Obwohl wir uns sehr darauf gefreut hatten – der Pamir Highway war sozusagen als Höhepunkt der Reise geplant – mussten wir uns eingestehen, dass wir diese abgelegene und schwer erreichbare Gegend wohl ein anderes Mal bereisen müssen. Sollte es nämlich dort gesundheitliche Probleme geben, wäre es sehr schwierig, adäquate Hilfe zu bekommen.
Dies stellte uns aber vor ein anderes Problem: Da wir so geplant hatten, im Hochsommer auf dem Pamir Highway zu sein – dieser liegt teilweise auf über 4000m ü.M. – waren wir jetzt im Hochsommer in tieferen Regionen Zentralasiens, und dort wird es zu dieser Zeit sehr heiss! So heiss, dass Radfahren nicht nur wenig Spass machen würde, sondern sogar gefährlich sein könnte. Klar, es gibt hardcore Radler:innen, die es durchziehen – Aber wir hatten das Gefühl, dass der Spass auf unserer Reise im Vordergrund steht und wir niemandem etwas beweisen müssen.
Somit entschieden wir, ohne Fahrrad nach Usbekistan zu reisen. Dieses Land wollten wir nämlich – egal wie es mit dem Fahrrad weiter ging – unter keinen Umständen verpassen. Es gab uns so auch eine etwas längere Pause, um dann hoffentlich mit neuer Energie von Almaty aus Richtung Kirgisistan weiter zu radeln.
Zum Glück konnten wir unsere Fahrräder und das Gepäck bei Said und Madina sicher parkieren, und Said fuhr uns am Samstagabend mit dem Auto zum Bahnhof Almaty 2. Von dort aus nahmen wir den Nachtzug nach Taschkent.
Die Fahrt mit dem Nachtzug im 2-er Abteil war recht ereignislos, wenn doch etwas holprig. Für die Ausreise aus Kasachstan kamen Beamte gegen Mittag am nächsten Tag in den Zug und stempelten unsere Pässe. Danach ging es über die Grenze, und in Usbekistan angekommen kamen wiederum Uniformierte in den Zug und behändigten unsere Pässe. Nach etwa eine Stunde kamen sie mit einem Einreisestempel wieder zurück und nach etwa 20 Minuten Fahrt kamen wir mit etwa dreissig Minuten Verspätung in Taschkent an.
Am Bahnhof besorgten wir uns zuerst eine lokale SIM-Karte mit einer usbekischen Nummer. Diese brauchten wir, um uns für Yandex – das zentralasiatische/russische Pendant zu Uber – zu registrieren. Danach gingen wir zum Geldautomaten, wo wir 4’000’000 usbekische Som abhoben. Anschliessend ging es mit dem Taxi zum Hotel, wo wir uns erstmal etwas erholten.
Tashkent ist eine interessante Stadt, da sie nach einem schweren Erdbeben 1966 fast komplett neu aufgebaut werden musste. Dies gab den Stadtplanern die Möglichkeit, ihre Visionen von einer perfekten sowjetischen Stadt umzusetzen. Am nächsten Tag machten wir uns nach dem erstklassigen Frühstück im Hotel auf den Weg, um die Stadt zu besichtigen. Dabei nahmen wir die Metro, welche nach dem Vorbild in Moskau sehr schöne Stationen hat.
Wir besichtigten danach die Kukeldasch-Medresse, welche aufgrund des Erdbebens restauriert werden musste. Medressen (auch Medrese oder Madrasa) bezeichnet Lehreinrichtungen, wo islamische Wissenschaften gelehrt wurden. Ausserdem wurde auch Logik, Naturwissenschaften wie Astronomie oder Mathematik vermittelt.


Nachher wollten wir den Hazrati-Imam-Komplex anschauen, eine grosse religiöse Stätte in Tashkent. In Gluthitze liefen wir dorthin, nur um festzustellen, dass dort im Moment riesige Umbauarbeiten stattfanden, so dass wir von einem Sicherheitsmann verscheucht wurden. Einzig ein Foto des im Bau befindlichen „Islamic Civilization Center“ aus der Ferne konnten wir machen.

Da es so unglaublich heiss war, gingen wir danach zurück ins Hotel, um uns abzukühlen. Wir verliessen es auch nicht mehr…
Am nächsten Morgen mussten wir nämlich früh auf, um unseren Zug nach Samarkand zu erwischen. Wir nahmen ein Taxi an den Bahnhof und stiegen in den Zug ein, welcher uns mit eher mässig gut funktionierender Klimaanlage in 3.5h nach Samarkand beförderte.

Samarkand war unglaublich! Wo wir auch hingingen, kamen wir aus dem Staunen nicht heraus und es kam öfters vor, dass wir beim Betreten einer Sehenswürdigkeit laut „WOW“ sagten. Usbekistan war lange auf meiner Liste von Orten, die ich unbedingt besuchen wollte, und nun waren wir da und die Erwartungen wurden übertroffen!
Noch am gleichen Tag nach unserer Ankunft gingen wir nach dem Check-In im Hotel zum Registan-Platz, welcher früher das Zentrum des antiken Samarkands war. Drei Medressen bilden dort ein einzigartiges Ensemble und gelten als Meisterwerk zentralasiatischer Baukunst nach dem sogenannten Kosch-Prinzip. Bei diesem stehen sich zwei Bauwerke (Medressen oder Moscheen) mit ihren Fassaden gegenüber, so dass es wie ein Spiegelbild wirkt. Die Farben, Details und Mosaike waren so schön, dass man stundenlang hätte dasitzen und beobachten können.

Auch am nächsten Tag waren wir begeistert von den verschiedenen Sehenswürdigkeiten. Wir begannen unsere Tour bei der Schohizinda-Nekropole, wo verschiedene Familienmitglieder von Timur (auch bekannt als Tamerlan) ruhen. Die Mausoleen waren wunderschön und wir waren auch früh genug dort, dass es noch nicht so viele Leute dort hatte.
Gleich nebenan war die Chidr-Moschee, von wo man auch die berühmte Bibichonim-Moschee sah. Wir besichtigten beide Bauwerke jedoch nur von aussen.

Später ging es mit dem Taxi zum Gori Amir, das Mausoleum von Timur. Dort war vorallem der prächtige Innenraum. Am Boden waren verschiedene Kenotaphe, in der Mitte der schwarze von Timur. Das wahre Spektakel waren aber die Wände und die Decke. Kaum zu beschreiben, die Details der Verzierungen!
Spannend war auch die Geschichte des „Fluch des Timur“. Auf den Grab Timurs folgende Inschrift gefunden:
„Wenn ich von den Toten auferstehe, wird die Welt erzittern.“
Nur zwei Tage nach der Öffnung des Grabs durch einen sowjetischen Archäologen – wo angeblich eine andere Inschrift gefunden wurde die lautete: „Wer mein Grab stört, wird einen Eindringling entfesseln, der schrecklicher ist als ich!“ – fielen die Nazis am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion ein. Stalin soll an den Fluch geglaubt haben, und befiel, Timur nach islamischen Ritus wieder zu bestatten. Einen Monat später kam die Wende im Krieg in Stalingrad…
Am nächsten Tag nahmen wir mittags den Zug nach Buchara. Da gerade kein Taxi verfügbar war, nahmen wir den Bus in die Stadt. Es war unglaublich heiss. An jedem Tag in Buchara stieg das Thermometer auf über 40 Grad im Schatten. Spannend war, dass das Feeling ganz anders war als in Samarkand. Während man in Samarkand das Gefühl hatte, in einer alten Hauptstadt eines vergangenen Reichs zu sein, hatte Buchara das Flair einer verlassenen Oasenstadt.
Während der Ark, die alte Zitadelle der Stadt, eher enttäuschend war, gefiel uns die Stadt ansonsten sehr gut. Besonders ärgerlich war für uns im sowieso schon recht langweiligen Ark, dass wegen einer usbekischen Spielfilmproduktion ein Teil für uns abgesperrt war… Dies, obwohl wir den vollen Eintrittspreis bezahlt hatten. Die Aussicht von der Mauer auf die Altstadt war trotzdem gut.
Natürlich gab es in Buchara auch wieder verschiedene alte Bauwerke zu bestaunen. Die Altstadt war wieder sehr eindrücklich und die blauen Ornamente gefielen uns sehr gut. Anders als erwartet wurde es auch nicht langweilig, denn obwohl man die Ähnlichkeiten mit den Bauwerken in Samarkand gut erkennen konnte, waren die Details ganz anders.
In Erinnerung bleiben wird uns aber von Buchara ein ganz anderes Erlebnis: Beim Besuch der Altstadt trafen wir auf die Filmcrew, die uns am Vortag den Besuch der Zitadelle etwas vermiest hatte – sie drehten nun in der Altstadt weiter. Wir kamen mit ihnen ins Gespräch, unter anderem auch mit der Hauptdarstellerin: Eine jemenitische Künstlerin, geboren in Saudi-Arabien als Tochter indonesischer Eltern und heute in Paris lebend. Ihre spannende Lebensgeschichte machte das Gespräch sehr interessant – und auch sie war ganz begeistert von unserer Geschichte.
So kam es, dass wir am Schluss vom Regisseur gefragt wurden, ob wir Lust hätten, im Film mitzuspielen. Natürlich liessen wir uns diese einmalige Chance nicht entgehen und wir improvisierten eine kurze Szene. Hollywood aufgepasst! Mehr dürfen wir zum Film noch nicht verraten, aber wir werden später informiert, wo und wann man den Film schauen kann. Wir hoffen natürlich, dass es unsere Szene in die Kinofassung schafft 🙂

Den Sonnenuntergang über der Stadt verpassten wir dadurch, aber wir genossen lieber das gemeine Abendessen mit der Filmcrew. Später trafen wir auf dem Rückweg zum Guesthouse auf Anastasia, eine russisch-amerikanische Reisende. Auch mit ihr kamen wir ins Gespräch und tauschten Kontakte aus: Wir hatten ein paar Tage später das gleiche Reiseziel und dachten, dass wir vielleicht gemeinsam etwas unternehmen könnten.
Am nächsten Morgen nahmen wir den Zug nach Xiva, eine weitere wichtige Stadt auf der Seidenstrasse. Leider hatte ich wiedermal Magenbeschwerden und musste ordentlich…Imodium einwerfen! In Xiva angekommen mussten wir uns somit im Hotel ausruhen. Es war sowieso viel zu heiss, um die Altstadt zu besichtigen.
Nach einem Ruhetag ging es mir wieder besser und wir besichtigten die wunderschöne und kompakte Altstadt von Xiva, welche Ichan Qalʼа heisst. Wir trafen auch wieder auf Anastasia und gingen gemeinsam Nachtessen. Auch sie, in der Sowjetunion geboren und mit 19 Jahren alleine in die USA ausgewandert, hatte sehr viele spannende Geschichten zu erzählen.
Mit einem weiteren fast sechsstündigen Zug ohne Klimaanlage ging es weiter Richtung Westen in die Stadt Nukus. Nukus ist die Hauptstadt der Autonomen Region Karakalpakistan. Die Karakalpaken, die Leute mit den schwarzen Hüten, sind ein Turkvolk und in dieser Region die Mehrheit. Nicht zu verwechseln sind sie mit den Karapapaken, die im Kaukasus leben. In Nukus gibt es ein bekanntes Kunstmuseum von Igor Sawizki, wir waren aber nicht deswegen dort…

Am nächsten Morgen trafen wir Anastasia und fuhren 3 Stunden mit einem Taxi über eine extrem holprige Strasse in das Dorf Moʻynoq.
Moʻynoq war bis in die 60er Jahre eine belebte Stadt an der Küste des Aralsees. Der Aralsee war einst der viertgrösste See der Welt, mit einer Fläche fast so gross wie Bayern. Leider ist der Aralsee eine der grössten von Menschen verursachte Naturkatastrophe aller Zeiten: Da die Sowjetunion in Usbekistan und Kasachstan viel Baumwolle anbauen wollte, wurde den beiden Zuflüssen immer mehr Wasser entnommen. Der Salzsee trocknete immer mehr aus und ist heute fast vollständig verschwunden. Zurück blieb eine salzige, von Pestiziden verseuchte Wüste namens Aralkum.

Moʻynoq liegt heute über 150km weit vom Überbleibsel des Aralsees entfernt. Das Verschwinden des Sees hat bis heute starke negative Auswirkungen auf die Region, insbesondere auf Karakalpakistan. In Moʻynoq gibt es heute kaum mehr Leute, da die ehemalige Fischfabrik keine Fische mehr in Konserven verpacken kann und längst verfallen ist. Es gibt keinen Grund mehr, dort zu bleiben, zumal die Luft sehr toxisch ist. Diejenigen, die konnten, sind gegangen…
Wir gingen dorthin, um die gestrandeten Schiffe in der Wüste zu besichtigen. Ein unglaublich eindrücklicher, aber bedrückender Anblick. Diese Schiffe sahen das letzte Mal in den Siebzigern Wasser, seitdem verrosten sie im Ödland… Ein Denkmal erinnert daran, was einst war.
Danach fuhren wir wieder 3 Stunden über die gleiche holprige Strasse zurück nach Nukus. Dort teilten wir uns eine Wassermelone und gingen ins Bett. Wir hatten alle Probleme mit unserem Hals und waren froh, dass wir am nächsten Tag einen Zug an einen Ort mit besserer Luft hatten.
Für Anastasia ging es nach Samarkand, wir hatten eine 16h Fahrt zurück nach Taschkent vor uns. Wir deckten uns mit Süssigkeiten, Wasser und Nudelsuppen ein und fuhren um 14:00 los: Zum Glück hatte unser Zweierabteil eine Klimaanlage. Pünktlich um 6:17 morgens kamen wir in Taschkent am Südbahnhof an. Mit einem Taxi ging es zum Hotel, wo wir gegen einen Aufpreis früh eincheckten und das tolle Frühstücksbuffet genossen.
Morgen geht es mit dem Nachtzug zurück nach Almaty, wo unsere Reise wieder mit eigener Muskelkraft weiter geht.



















































Danke für diese eindrücklichen Bilder und Berichte aus einer mir gänzlich unbekannten Region!
Hallo Christian
Sehr gerne! Zentralasien ist auch für uns „terra incognita“ und sehr spannend zu erkunden!
Liebe Grüsse aus Kirgisistan
Damian & Vivi