Im Dezember 2024 hatten wir die Grenze nach China ganz im Süden überschritten. Nun war es an der Zeit, das Reich der Mitte nach mehr als fünf Monaten hinter uns zu lassen. Vor uns stand aber noch die letzte Herausforderung: Die mystische und streng kontrollierte Region Xinjiang.
Jiayuguan – Alashankou | 05.06.2025 – 17.06.2025 | 537,63 km | 1560 m
Xinjiang ist gross, sehr gross sogar. Mit über 1.6 Millionen Quadratkilometern macht die Provinz (eigentlich nach chinesischem Recht korrekt eine Autonome Region und keine Provinz) einen Sechstel der ganzen Fläche Chinas aus, und ist grösser als ganz Westeuropa (oder 40x so gross wie die Schweiz)! Die Provinz enthält sowohl Wüsten wie zum Beispiel die Taklamakan, als auch sehr hohe Bergketten wie das Tian Shan-Gebirge. Im Boden verbergen sich Unmengen wertvoller Rohstoffe wie Erdöl, Kohle und seltene Erden.
Offiziell nennt sich die Provinz Autonome Region Xinjiang der Uiguren. Die Uiguren sind eine turksprachige, überwiegend muslimische Volksgruppe, welche kulturell stark mit Zentralasien verbunden ist. Ihre Kultur und Traditionen unterscheiden sich sehr stark von denjenigen der Han-Chinesen. Sie sind (noch) die grösste Bevölkerungsgruppe in der Region.
Während das Gebiet früher in mehrere Reiche aufgeteilt war, gehört es seit 1884 offiziell als Provinz zu China. Dies ist nicht unproblematisch, denn viele Uiguren wären gerne unabhängig von China und kämpfen seit Generationen für Unabhängigkeit oder zumindest mehr Autonomie. Um separatistische Bestrebungen zu unterdrücken – oder, wie Peking es formuliert, um „Stabilität und Sicherheit“ zu gewährleisten – hat die Zentralregierung die Region in einen streng überwachten und kontrollierten Überwachungsstaat verwandelt. Eine Internetrecherche zum Thema „Uiguren in Xinjiang“ ist empfehlenswert!
Man muss aber auch sagen, dass es in der Vergangenheit in China tatsächlich zu mehreren Terroranschlägen und Gewalttaten gekommen ist, für die laut der chinesischen Regierung uigurische Separatisten verantwortlich waren – etwa 2014 in Kunming oder bei verschiedenen Angriffen in Xinjiang selbst. Seither unternimmt die Regierung alles, um solche Vorfälle zu verhindern. Ob diese Massnahmen im Verhältnis zu tatsächlichen Bedrohungen stehen oder vor allem der Kontrolle über die Region dienen, ist international umstritten.
Dass es strenge Massnahmen geben würde, bemerkten wir schon, bevor wir überhaupt Fuss in die Region setzten. Beim Versand unserer Velos und Taschen mussten wir in Jiayuguan jedes Gepäckstück komplett auspacken und den Inhalt zeigen. Natürlich konnten wir unsere (fast neue) Gaskartusche nicht mitnehmen! Unser schönes und viel verwendetes Schweizer Taschenmesser durften wir ebenfalls nicht mitnehmen und wir mussten dieses nach Taiwan schicken, da wir es sonst hätten wegwerfen müssen. Das Rüstmesser hingegen durften wir behalten und nach Ürümqi schicken..? Logik: Für uns nicht ersichtlich. Auch das Getriebeöl unserer Nabenschaltung war ihnen ein Dorn im Auge, aber nach Protest durften wir es dann doch behalten. Das Sonnenblumenöl zum Kochen hingegen: Verboten, keine Ausnahme möglich! Hä???
Die Fahrt mit dem Nachtzug war recht ereignislos. Das Einsteigen war zwar sehr chaotisch, aber kurz nachdem wir unser 6er-Abteil gefunden hatten, fuhr der Zug pünktlich um 22:50 ab. Wir hatten die beiden oberen Betten und wir verkrochen uns sofort dorthin, nachdem wir all unsere Taschen verstaut hatten. Wir hatten so viel Gepäck mitgenommen, wie wir tragen konnten, so dass wir nicht für den Versand zahlen mussten, denn dieser wurde nach Gewicht berechnet. Kurz darauf ging auch schon das Licht aus und wir versuchten zu schlafen.
Um etwa 6:30h wachte ich auf und kletterte mit etwas Rückenschmerzen von meinem Bett herunter und setzte mich in den Gang. Ich beobachtete die Umgebung, welche derjenigen in Gansu sehr ähnlich war: Karge Wüstenlandschaft mit Bergen im Hintergrund. Es gab hunderte, vielleicht sogar tausende Windräder. Sehr eindrücklich! Leider war das Fenster so dreckig, dass die Fotos unbrauchbar waren. Um 9:00 morgens kamen wir in Ürümqi mit zehn Minuten Verspätung an.
Ürümqi, auf Chinesisch eigentlich Wu Lu Mu Qi (乌鲁木齐), ist die Hauptstadt Xinjiangs und mit 4 Millionen Einwohnern die grösste Stadt der Region. Es ist ausserdem die am weitesten vom Meer entfernte Grossstadt der Welt: Über 2500km Luftlinie sind es nämlich bis zur nächsten Küste.
Nach unserer Ankunft waren wir zuerst mal positiv überrascht: Die erwartete Durchsuchung und Befragung blieb aus. Beim Verlassen des Bahnhofgebäudes sahen wir zwar etliche Uniformierte und gepanzerte Fahrzeuge, aber sonst war nichts anders als an jedem anderen chinesischen Bahnhof. Wir gingen sofort zum CRE-Office, um dort unsere Fahrräder abzuholen. Sie seien angekommen, aber es dauere noch etwa 30 Minuten, bis wir sie entgegennehmen könnten, hiess es dort. Daraus wurden schlussendlich zwei Stunden, aber kurz nach 11 Uhr radelten wir zu unserem Hotel, das sich ganz in der Nähe des Bahnhofs befand.
Dort konnten wir ohne Probleme einchecken und wuschen sofort unsere Kleidung, denn die hatte schon längere Zeit keine Waschmaschine mehr gesehen… Danach machten wir ein Nickerchen, da die Zugfahrt nur mässig erholsam war. Auch ein Besuch bei Decathlon stand an, wo wir einen neuen Reserveschlauch kauften. Ausserdem versuchten wir, ein neues Taschenmesser zu kaufen: Dies hingegen blieb ohne Erfolg.
Am nächsten Tag machten wir noch einen Pausentag, um Ürümqi zu besichtigen. Dabei verabredeten wir uns mit Lars, welcher mit dem Velo von Deutschland bis nach China fuhr. Wir hatten uns in einer Chat-Gruppe für Radreisende kennengelernt. Lustiger Zufall: Als wir unseren Standort austauschten, stellten wir fest, dass wir uns im gleichen Gebäude befanden! Gemeinsam gingen wir zuerst etwas Essen, später besuchten wir den grossen Basar. Dieser war eher unterwältigend, weshalb wir lieber über unsere Reiseerlebnisse plauderten.
Für Lars ging es am nächsten Tag in Richtung Mongolei. Für uns hingegen stand eine sehr langweilige Fahrt in den Ort Hutubi auf dem Programm. Es wurde erst spannend, als wir den Ort erreichten und vor dem Hotel, welches wir im Voraus gebucht hatten, drei junge Radreisende antrafen: Einen Schweizer, eine Deutsche und einen Neuseeländer. Ringsherum standen mindestens 5 Polizisten in zivil. Die Drei wurden in den naheliegenden Bergen am Tag vorher den ganzen Tag von der Polizei verfolgt. Als sie das Zelt aufstellen wollten, wurden sie von der Polizei eingesammelt und mitten in der Nacht in ein (sehr teures) Hotel gebracht. Am nächsten Morgen wollten sie in ein günstigeres Hotel wechseln, um sich von den Strapazen auszuruhen, wurden aber von der Polizei wiederum dorthin verfolgt. Dieses Hotel dürfe keine Ausländer aufnehmen, wurde ihnen dann dort mitgeteilt…
Dies wiederum waren schlechte Neuigkeiten für uns, denn wir wollten genau dort übernachten, da alle anderen Hotels in der Stadt sehr teuer waren. Offenbar funktionierte die Kommunikation zwischen Polizei und den drei Radlern nicht gut und niemand wusste genau, was die andere Seite genau wollte und was das Problem war. Vivi konnte dann helfen zu übersetzen und die Drei entschieden sich schliesslich, in die nächste Stadt zu fahren. Mit Eskorte, versteht sich 😉
Für uns hingegen bedeutete dies, dass wir unsere billige Unterkunft vergessen konnten und auch in das teure Hotel wechseln mussten. Zum Glück wurde uns ein Teil der Kosten erstattet: Der Kundensupport des Buchungsportals trip.com ist wirklich ausgezeichnet und hatte uns schon mehrere Male geholfen. Am Abend assen wir uigurisches Barbecue und genossen das schöne Zimmer.
Das Radfahren machte, seit wir Ürümqi verlassen hatten, nicht viel Spass. Wir folgten wieder unserem „alten Freund“, der Fernstrasse G312: Auf dieser Strasse – welche knapp 5000km lang ist und von Shanghai bis an die kasachische Grenze führt – fuhren wir seit der Provinz Henan etliche Kilometer. Alternativen gab es nicht, und die Strasse war leider nicht mehr so, wie wir sie aus den vorherigen Provinzen kannten. Es gab nur noch einspurigen Verkehr und der Seitenstreifen war nicht nur schmal, sondern auch mit viel Schutt bedeckt und somit teilweise gar nicht befahrbar. Dazu kam, dass die meisten Lastwagenfahrer in Xinjiang ihren Führerschein wohl im Lotto gewonnen hatten. Anders liess sich deren rücksichtslose und gefährliche Fahrweise nicht erklären. Manchmal fehlten zwischen Lastwagen und uns weniger als 50cm…
Sehr interessant waren jedoch die vielen Begegnungen, die wir unterwegs hatten: Wir lernten die verschiedenen ethnischen Minderheiten der Region kennen, welche zum Glück alle Chinesisch sprachen und mit uns ins Gespräch kamen: Uiguren, Kasachen, Mongolen, Hui – Sehr spannend!
Unterwegs in die Stadt Wusu hatte ich auch meinen ersten Platten seit Malaysia, und auch Vivis Hinterrad hatte es einen Tag vorher wieder einmal erwischt. Beide Male war es ein sehr dünnes Stück Draht, vermutlich gleichen Ursprungs! Später trafen wir einen Franzosen, welcher uns entgegen kam und wir tauschten ein paar Informationen aus. Er meinte, etwa eine Tagesdistanz vor uns sei ein Spanier unterwegs und die Strasse werde irgend einmal dann wieder besser. In Wusu machten wir einen Tag Pause und feierten bescheiden meinen Geburtstag, bevor wir die letzten drei Etappen in China in Angriff nahmen!
Nach Wusu fanden wir endlich wieder eine parallele Strasse zur G312 und genossen dort vor allem die Abwesenheit von Lastwagen. Ausserdem war die Landschaft sehr spannend, denn am Horizont von den riesigen Baumwollplantagen sahen wir die imposanten Tian-Shan Berge immer näher kommen.
Leider wurden wir von unserer Navigationsapp mehrmals ins Nirgendwo geführt und wir machten anstrengende Extra-Kilometer. Wir hatten eine sehr lange Tour mit 110km geplant, welche dadurch noch länger wurde. Ausserdem erwarteten wir nicht, dass ein grosser Teil der Strecke abseits des Highways Schotterpiste war, inklusive des Radfahrers Feind: Wellblechpiste (oder washboard auf Englisch).
Das machte diese Tour extrem anstrengend und wir waren am Ende ziemlich am Ende, wir spürten den Rücken und die Handgelenke. Unterwegs hatten wir aber eine sehr schöne Begegnung, als ein Auto neben uns hielt und der Lenker uns fragte, ob wir mit seinen Kids ein Foto machen könnten. Dies taten wir natürlich, und etwa ein Kilometer später standen sie am Strassenrand mit einem Plastiksack voller Getränke, welchen sie uns überreichten. Mittlerweile befanden wir uns übrigens im Mongolischen Autonomen Bezirk Bortala, wo die Strassenschilder neben Mandarin und Uigurisch teilweise auch Mongolisch beschriftet waren.
Am nächsten Tag schliefen wir lange aus und machten uns erst kurz vor Mittag auf den Weg. Zum Glück auf einer nagelneu gepflasterten Strasse und die ersten 40km ging es zudem leicht bergab. Die Strasse führte jedoch durch das Nichts, es gab nur unsere Strasse, die Autobahn und eine Bahnlinie, die parallel zueinander durch eine Steppenlandschaft führten. Keine Tankstelle, kein Laden, geschweige denn ein Restaurant. Wir hatten nur wenig Proviant dabei und stellten uns schon darauf ein, nur Nüsse und getrocknete Mango zu essen.
Plötzlich fuhr ein Auto an uns vorbei, bremste und fragte, ob wir Wasser brauchen. Wir fragten, ob er Essen habe. Er sagte: „Nein, aber wartet auf mich!“, und düste ohne ein anderes Wort davon. Wir fuhren weiter, es gab ja sowieso keine andere Strasse. Etwa eine Dreiviertelstunde später kam uns das Auto wieder entgegen, bremste, überreichte uns wortlos drei Plastiksäcke voller Essen, wendete, und brauste mit einem Daumen nach oben wieder davon!!
Er muss mindestens 60km gefahren sein, um dieses Essen für uns zu kaufen… Wir waren etwas überwältigt von dieser Geste und assen unser fürstliches Mittagessen, bevor wir weiter fuhren.
Am Schluss der Tour trafen wir per Zufall den Spanier – Alex – von welchem uns der Franzose vor ein paar Tagen erzählt hatte. Wir hätten nicht gedacht, dass wir ihn einholen können! Wir fuhren die letzten 10km gemeinsam und hatten ein sehr sympathisches Gespräch. Wir assen gemeinsam ein Eis und tauschten Kontakte aus: Vielleicht werden wir uns in Zentralasien wiedersehen. Immer wieder kamen interessierte Menschen vorbei und fragten für ein Foto. Alex fuhr danach noch ein bisschen weiter, wir checkten in ein Hotel ein und versuchten, uns von den strengen zwei Tagen zu erholen.
Am nächsten Tag war sie da: Die letzte Tour in China! Genau hundert Fahrtage waren es in China und wir haben dabei insgesamt 5634 Kilometer in diesem riesigen Land zurückgelegt. Dazu kamen noch die Strecken, welche wir leider überspringen mussten, was uns immer noch ein bisschen wurmte…
Von der Stadt Jinghe aus fuhren wir Richtung Norden. Zuerst noch auf perfekter Strasse zwischen Baumwollfeldern, plötzlich aber auf einer extrem staubigen Baustelle, welche sich über mehrere Kilometer zog. 300m bevor wir endlich wieder den Asphalt erreichten, hatte Vivi am Hinterrad einen Platten – wieder ein Stück Draht – welcher geflickt werden musste. Nach der Baustelle befanden wir uns wieder mehr oder weniger in der Wüste und entkamen dort nur knapp einem aufziehenden Gewitter.
Unser Ziel war Alashankou. Das ist der chinesische Name für die Dsungarische Pforte, ein historisch sehr wichtiger Pass zwischen Zentralasien und China. Da im Norden und Süden davon sehr hohe Gebirgszüge sind, war diese natürliche Talebene seit jeher eine perfekte Verbindung zwischen West und Ost!
Kurz vor der Stadt Alashankou auf der chinesischen Seite der Grenze konnten wir auch noch einen Blick auf den Ebinur-See werfen. Das ist ein grosser Salzsee, welcher jedoch stetig schrumpft: Die umliegenden Zuflüsse werden zur Bewässerung der Baumwollplantagen benutzt, so dass dem See nicht mehr genug Wasser zugeführt wird. Da er extrem salzig ist, bildet sich um ihn herum eine Art Salzwüste. Die Salze werden jedoch durch den starken Wind in der Region als eine Art „Salz-Sandsturm“ herum geweht, was eine sehr starke Umweltverschmutzung zur Folge hat. Ein berühmtes Beispiel für eine ähnliche Öko-Katastrophe ist der Aralsee in Kasachstan und Usbekistan.
Das blaue Wasser und die weissen Salzablagerungen konnte man gut von weitem erkennen. Wir waren aber eher interessiert daran, unsere fast 95km lange Tagestour endlich abzuschliessen und in unser Hotel einzuchecken. Wir hatten in den letzten paar Monaten auf trip.com ordentlich Punkte gesammelt, welche wir nun in einem 5-Stern Hotel zur Belohnung einlösen konnten 🙂
Die Stadt selbst war ein seltsamer Ort: Man hatte wirklich das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, denn nirgendwo in China war so wenig los wie dort. Für viele Chinesinnen und Chinesen ist es quasi auch das Ende der Welt, denn nur etwa 10% der Bevölkerung hat einen Reisepass und dadurch überhaupt die Möglichkeit, das Land zu verlassen.
Am Tag danach, ein Tag bevor meine Aufenthaltserlaubnis ablief, versuchten wir, ein Busticket zu organisieren. Ein Telefonat mit dem Grenzposten bestätigte nämlich unsere Befürchtung, dass die Grenze nicht mit dem Fahrrad überquert werden darf. Nach einigem Hin und Her machten wir eine dubiose Reservation per Handy für den nächsten Morgen! Ausserdem versuchten wir über eine Stunde lang, meinen Handyvertrag zu kündigen – Vergeblich: Man sagte uns, das müsse in der Provinz geschehen, in der der Vertrag abgeschlossen wurde – und weiter hätten wir davon wohl kaum entfernt sein können… Tja, catch me if you can!








































Hallo Zäme, so spanend , was Ihr alles erlebt unterwegs. Danke für dir ausführliche Post. Weiter viel Freude am Velofahren !! Alles Gute Vreni
Hoi Vreni
Ja, wir können es manchmal selbst kaum glauben, was wir auf dieser Reise alles erleben dürfen 🙂
Liebe Grüsse in die Schweiz
Vivi & Damian
Hallo Damian,
Demfau nachträglich aues guete zum Geburi 🙂 zNechscht mau bi üs🤣🤣🤣
Liebi Grüess
Emi
Hallo Emi
Merci viu Mau – Mir fröie üs scho ufds nächscht Mau, bi wäm de o immer 🙂
Liebi Grüess
Damian & Vivi